Bildungsförderung
Ein ungewöhnlicher Bildungsweg
Februar 2026 | Sunari Bulan
Ein großer Traum unter schwierigen Voraussetzungen
Es ist an der Zeit, eine ganz besondere junge Frau ins Rampenlicht zu stellen. Ihr Name ist Ni Komang Lilik Mariani. Sie ist achtzehn Jahre alt und hat die Senior Highschool im Sommer 2025 abgeschlossen. Ihr Wunsch: An der Universität Udayana in Bali zu studieren. Ihr Traum: Ärztin zu werden.
Das Problem: Es interessiert niemanden, was aus ihr wird, nicht einmal ihre Eltern. Ihr Vater schickte sie auf die billigste und schlechteste Senior Highschool, die er finden konnte. Die Lehrer an dieser Schule müssen, wie an vielen anderen Schulen auch, für einen Hungerlohn arbeiten. Dementsprechend gering ist ihre Motivation, den Kindern etwas beizubringen oder überhaupt zum Unterricht zu erscheinen. In den Zeugnissen stehen Fantasienoten, mit denen Lernstoff bewertet wird, von dem die Kinder nie etwas gehört haben. Im ländlichen Bali ist das Alltag.
Ein Systemversagen – und ein fast verlorener Weg
Bei der Prüfung an die Universität kam es, wie es kommen musste: Lilik hatte keine Chance, wie auch sonst alle ihre Klassenkameraden. Ein paar von ihnen hatten das Glück, von irgendwoher Geld zu bekommen, um die Beamten an der Universität zu bestechen, damit sie trotzdem zum Studium zugelassen wurden. Viele Menschen in unserer Region denken, das sei überhaupt die einzige Möglichkeit, um studieren zu können. Lilik hatte kein Geld und sah ihre Zukunft vor ihren Augen davonschwimmen.
Wir kennen Lilik seit fast zehn Jahren. Als sie völlig verzweifelt zu uns kam und uns ihre Geschichte erzählte, war guter Rat teuer. Es kam natürlich nicht in Frage, ihr den Zugang zur Universität zu erkaufen. Also bot Ines ihr an, sie ein Jahr lang auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten, so dass sie es im April 2026 noch einmal versuchen könnte. Lilik sagte sofort zu, und seit diesem Tag kommt sie jeden Tag etwa fünf Stunden zum Lernen zu uns.
Radikaler Neuanfang und außergewöhnliche Lernleistung
Wichtigstes Fach: Mathematik. In der Primarschule hatte Lilik Addieren gelernt. Subtrahieren war bereits ein Problem, Multiplizieren konnte sie nur mittels Addition, da das kleine Einmaleins nie richtig trainiert wurde, und von Dividieren hatte sie noch nie gehört. Stand: 3. Klasse Primarschule. Ziel: Abiturniveau in weniger als einem Jahr zu erreichen. Es schien aussichtslos.
Das war im Juni. In den folgenden acht Monaten hat sich Lilik durch den gesamten Mathematikstoff bis zur 12. Klasse gearbeitet, zuerst unter Ines’ Anleitung, doch zunehmend selbständig. Sie lernt mittlerweile mit einer Online-Plattform namens Oak National Academy, die den gesamten Lernstoff vom Kindergarten bis zum Abitur in Form von Lektions-Videos, Arbeitsblättern und Tests gratis zur Verfügung stellt. Auf Englisch, versteht sich, das sie teilweise auf Indonesisch übersetzen muss. Lilik kommt jeden Tag um neun Uhr morgens und arbeitet pausenlos bis ihr Computer mangels Strom den Dienst quittiert. Dann macht sie weiter mit Hilfe ihres Handys. Sie steht nicht ein einziges Mal auf. Sie nimmt ihre Umgebung nur wahr, wenn man sie direkt anspricht. Um ein Uhr mittags hört sie auf, weil wir den Tisch zum Mittagessen benötigen. Dann geht sie nach Hause und lernt weiter.
Mittlerweile zweifeln wir keine Sekunde mehr daran, dass Lilik im April die Aufnahmeprüfung an die Universität Udayana mit Bravour bestehen wird. Ihre beeindruckende intrinsische Motivation, die ihr die Fähigkeit verleiht, über viele Stunden fokussiert zu arbeiten, wird ihr im Arztstudium einen riesigen Vorteil gegenüber ihren Studienkollegen verschaffen. Unsere Stiftung wird sie bis zum Doktortitel auf ihrem Weg begleiten und unterstützen, sei es mit Knowhow, wie jetzt, oder finanziell in Form eines Stipendiums.
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